Kloster/Probe/Bühne (1): Am Anfang war das Wort…
„Am Anfang war das Wort“
Ich vermute, dass Sie diesen Satz kennen. Er beschreibt ziemlich gut die Situation am Anfang einer Inszenierung. Es gibt zunächst nur Worte, Sätze, die eine fiktive Person spricht. Ihr Charakter, ihre Geschichte, ihre ganze (ausgedachte) Persönlichkeit, alles verbirgt sich in Worten, die man selbst nie so sagen würde, die aber mit Absicht und Überlegung so gesetzt worden sind.
Am Anfang ist das Wort, aber dabei wird es nicht bleiben. Eine ganze Person muss durch die Worte zum Leben erweckt werden. Die ungewohnten Sätze müssen gesprochen, gelernt, empfunden und immer wiederholt werden. Sie müssen auf die anderen Worte treffen. Man muss erarbeiten, wie sie ineinander greifen, schließlich beginnen, sich zu ergänzen, und zum Spiel werden. Aus dem Wort entsteht eine handelnde, glaubwürdige Person, immer wieder.
Biedermann und die Brandstifter, Probe 11/2025
Die Probe beginnt. Man trifft sich, berichtet vom Tag, davon, wie es nach dem letzten Mal weiter gegangen ist. Man taucht ein in die Gruppe und nähert sich wieder der Person, die man darstellt, der Rolle. Man zieht sich um. Und man spricht wieder wie am Anfang die Worte. Sie hat das Textbuch in der Hand und geht – selbst hell gekleidet – im Halbdunkel allein vor einem schwarzen Hintergrund hin und her. Am Anfang liest sie noch einiges ab, denn nicht alles kann sie schon auswendig.
Und dann verändert sich im Hin- und Hergehen in diesem halbdunkel zunächst unmerklich die Artikulation. Es verändert sich die Körperhaltung, bei der Wiederholung klingen die Texte anders, kommen schneller, mit mehr Ausdruck. Das Textbuch wird zum Requisit. Zusammen gerollt unterstützt es die Bewegung der Arme und der Text wird zu den Sätzen einer Person, der Text fängt an, gelebt zu werden. Eine andere Person geht da im Halbdunkel, ein spießiger, aggressiver Haarwasserfabrikant, eine fiktive Person wird lebendig und ist bereit, auf andere Personen zu treffen und mit ihnen zu agieren. Das Spiel beginnt. Etwas großes entsteht, eine lebendige Realität auf Zeit, in der wir uns selbst erkennen, bewerten, mitfiebern und unsere Schlüsse ziehen können.
